Kulturelle Aneignung - was ist das ?

Skandal in der Brasserie Lorraine in Bern.

Der Abbruch eines Konzertes wegen ein paar wenigen anonymen Gästen, die sich nicht zeigen dürfen und nicht genannt werden wollen, hat mich als Jazz-Musiker sehr befremdet. Auch die Musiker*Innen der Mundartband "Lauwarm" fühlten sich vor den Kopf gestossen, als sie nach dem ersten Set ihr Konzert abbrechen mussten. Wenn weisse Musiker*Innen mit Dreadlock-Frisuren Reggaemusik spielen, nennt man dies neuerdings eine "kulturelle Aneignung". Die Veranstalter schreiben in ihrer Rechtfertigung etwas von 

Verantwortung. So lange niemand durch ein Konzert diskriminiert wird, dessen Inhalte dafür bekannt sind dass sie diskriminierend wirken (z.B. rechtsextremes Liedgut) sind nach meiner Ansicht allein die Künstler für den Inhalt der Performance verantwortlich. Mir scheint, dass viel Blah Blah um dieses neu aufgekommene Thema gemacht wird und dies oft durch die Veranstalter. Der umfangreiche Rechtfertigungsversuch auf der Homepage der Brasserie Lorraine riecht für mich nach kommerzieller Ausreizung des Themas duch Diskussionsabende in ihrer Lokalität. 

 

Eine korrekte Ankündigung eines geplanten Konzertes, woraus ersichtlich ist, was das Publikum erwarten kann, genügt vollkommen um die Konzert- besucher*Innen allein entscheiden zu lassen, was sie hören und sehen wollen und was nicht; wobei ich davon ausgehe, dass die Künstler ihre Absichten genügend kommunizieren.

Was die sog. kulturelle Aneignung angeht, bin ich der Meinung, dass eine Künstlergruppe jede Art von Musik oder Kultur darbieten darf und soll. Wo kämen wir hin, wenn wir keinen Jazz, keine judische Musik, keine arabische Musik, keine Roma-Musik (Gypsy Music) etc. mehr spielen dürften. Das würde ja bedeuten, dass es in der Schweiz nur noch Schweizer-Volksmusik gäbe (Ländlerkappellen engros). Die Reklamationsrate der Gäste würde sich ins Unermessliche steigern und die Veranstalter würden sich ins "eigene Fleisch" schneiden. 

 

 

Mir scheint ein anderes Problem viel wichtiger zu sein, das durch die Gastronomie selbst verursacht wird: Immer mehr Bands müssen (dürfen) nur noch gegen Kollekte (Hutgage) spielen, so auch in der genannten Brasserie. Somit verliert ein Konzert für den Zuhörer seinen Wert. Was nichts kostet ist nichts Wert! Entsprechend geht man mit der "Ware" - in diesem Fall mit den Künstlervorträgen - um.  Früher war es normal, dass ein Restaurateur der Band eine anständige Gage bezahlte und dafür dem Publikum entsprechend ein Eintrittsgeld verlangte. Er war bereit, sein Unternehmerrisiko zu tragen. Die "modernen" Gastronomen schieben dieses auf die Künstler ab. Ein echter Unternehmer muss die Dienstleistung einkaufen, die er dem Publikum anbietet - so auch die Musik. An dieser Misskultur tragen die Gastronomen die alleinige Schuld. Sie  sollten wieder dazu übergehen, das Ansehen der Künstler zu heben und damit der Kultur Auftrieb verleihen, in dem sie einen anständigen Umgang mit den Künstlern pflegen.

 

 

Liebe Gastronome und Veranstalter, schreibt in Eurer Werbung: "Wir stehen für nachhaltige Kultur und bezahlen unsere Musiker fair". Verlangen Sie von Ihren Gästen einen angemessenen Eintrittspreis und überlassen Sie den Rest dem Wechselspiel zwischen Akteuren und Publikum.

 

28.07.2022 Nachtrag

Ein wahrer shitstorm ist im Gange. Sogar die junge SVP nimmt sich des Themas an, was mich einigermassen erstaunt. Von dieser Ecke ist normaler-weise nichts gut, was ausländisch klingt. Der SVP geht es wohl eher darum, der jungen SP zu schaden. Sie verklagten ja deshalb die Brasserie wegen Diskriminierung von "Weissen". Es kommt nicht alle Tage vor, dass ich mich auf der Seite einer rechtspopulistischen Partei wohl fühle. Heute ausnahms-weise schon.

Ich werde aber den Gedanken nicht los, dass das Ganze eine Inszenierung darstellt. In Zeiten endloser fakes muss man sich fragen, wer am meisten Gewinn aus der aufgebauschten Story zieht - die Brasserie, die SVP oder gar die Band ? Immerhin wird sie nun in der ganzen Schweiz bekannt. Ich gönne den Musikern die Steigerung ihres Bekanntheitsgrads während ich sicher nie Gast der Brasserie Lorraine sein werde, ausser sie will mich als Musiker engagieren und eine fette und fixe Gage bezahlen!   HRJ

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Kommentare: 1
  • #1

    rita trachsel (Donnerstag, 28 Juli 2022 11:02)

    Hallo Hansruedi! deine Worte kann ich nur unterstreichen und bestätigen. Wenn wir genügend Geduld haben, werden wir wieder frühere Zeiten erleben - ich glaube daran:-o)
    ä liebe Gruess, und ich liebe Jazz - und bleibe dabei!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
    rita