Vaterliebe

Nach meiner Gallenblasen-OP mit Aufwachtrauma kam es nachts manchmal vor, dass ich wach lag und zeitweise Angstzustände erlebte. In dieser Zeit träumte ich auch oft und meine Eltern begegneten mir ein paar mal im Traum, so auch mein Vater. Er war ein einfacher Mann, ein Bauernsohn aus einer Familie mit 15 Kindern. Eine Lehre lag finanziell nicht drin, da man damals noch ein Lehrgeld bezahlen musste. Eine Sekundarschule gab es damals noch nicht. Er war ein lieber und guter „Vatti“. Leider habe ich nicht sehr viele prägende Erinnerungen, da bei uns die Mutter die Hosen an hatte. Sie war es auch, die durch Erbschaft ermöglichte, ein Häuschen zu bauen und ein Auto anzuschaffen. Mein Grossvater mütterlicherseits war ein Auswanderer gewesen. Er war auf der Reise nach Amerika auf dem Meer gestorben und seine Leiche wurde der See übergeben. Ich habe ihn nie gekannt. Mein Vater kämpfte noch zusammen mit der Gewerkschaft um „Fünf Rappen“ mehr Stundenlohn. Als ungelernter Fabrikarbeiter in der Papierfabrik Biberist verdiente er damals 90 Franken in 2 Wochen. Er war nie autoritär und die Kindererziehung war sowieso Sache der Mutter. Ein paar Erinnerungen an meinen „Vati“ habe ich aber bis heute nicht vergessen und sie haben mich stark beeindruckt. Als ich in der Rekrutenschule war und furchtbares Heimweh hatte, musste mein Vater mir etwas per Post schicken, da das „Mueti“ krank war. Im Paket lag ein kleiner Zettel, auf dem wörtlich in ungelenker Schrift geschrieben stand: „Musst nur immer gut Freund sein“. Da wusste ich, warum er bei seinen Sängerfreunden so beliebt war. Er, ein sehr kleiner Mann – wurde nur „der kleine Rüedeli“ genannt - wurde von allen geliebt und meine Mutter war oft eifersüchtig auf seine Beliebtheit. 45 Jahre versah er zuverlässig seinen Dienst in der "Papieri" und ich habe nur einmal erlebt, dass er krank war. Ich glaube, er fehlte nur einen Tag. Zu dieser Zeit schlief ich noch im Elternschlafzimmer und ich hörte beim Erwachen meine Mutter sagen. „Jesses Gott, du bist ja weiss wie der Tod. So gehst du mir nicht arbeiten“. Als ich in der Pubertät einmal rebellierte und verbal meinen Vater angriff, schalt mich meine Mutter: „Willst du wohl aufhören, so mit Vati zu sprechen, er - der uns all die Jahre so zuverlässig versorgt hat - das hat er nicht verdient“. Mein Vater schwieg dazu wie es seine Art war. Meine Mutter machte jeden Morgen ein kleines "Znüni" bereit für ihn, das er dann in der Pause verspeiste. Oft war es ein Wienerli oder ein gekochtes Schweinswürstchen. Ein einzelnes Würstchen - kein Paar. Als kleiner Stöpsel eilte ich nach dem Aufwachen in die Küche und öffnete den Küchenschrank, der mit einem Mauerloch und einem Gitter nach draussen versehen war - einen Kühlschrank hatte man damals noch nicht - und fand jeden Morgen ein Wurstzipfelchen, das er extra für mich hingestellt hatte. Obwohl er es nie sagte, weiss ich, dass er mich vergötterte. Nach drei Mädchen und 11 Jahre nach der letzten Tochter, war ich die grosse Überraschung: Ein Sohn - der Stolz jedes Vaters. Während ich dies schreibe muss ich weinen, ich kann nicht anders. Er wurde 85 Jahre alt und hatte ein schönes Leben. Er hatte auch einen wunderbaren Tod. Seine Jugendfreundin, die er nach vielen Jahrzehnten wieder getroffen hatte und bei der er 5 Jahre nach Mutter’s Tod eingezogen war, fand ihn beim Erwachen neben dem Bett liegend. Seine Augen waren offen und der eintreffende Arzt musste sie mit Klebeband schliessen, da die Totenstarre schon eingesetzt hatte. Daraus schliesse ich, dass er unbemerkt und ohne einen Laut von dieser Welt gegangen war. HRJ

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