Der Hahnenschrei - ein Fake

25.07.2018 Sehen Sie im Bild links einen Hahn ? Ich auch nicht. Es ist ein Hühnchen, legt Eier und heisst "Flöcki". Ich hätte mir vor noch 3 Tagen niemals träumen lassen, dass ich je mit Genderfragen beschäftigt sein würde. Insbesondere nicht inbezug auf meine Hühnchen. Erst in den letzten Jahren ist es in mein Bewusstsein gelangt, dass es Geschlechtsumwandlungen gibt – also Genderfragen auf verschiedener Ebene. Heute gibt es Blogs, Fernsehsendungen etc. die das Thema puschen. Dass es in der Biologie, sowohl in der Tierwelt als auch beim Menschen verschieden geratene Geschlechter gibt, wusste ich natürlich schon, aber in meinem Hühnerstall ? 

 

Vor einem halben Jahr kaufte ich ein neues Hühnchen der englischen Rasse Sebright. Sebright ist ein echtes Zwerghuhn aus England. Also nicht eine kleingezüchtete Art eines normalen Huhnes. Als kleinstes meiner Hühnchen, musste „Flöcki“ - so wurde sie bei uns getauft – schwer unten durch. Sie wurde von der Gruppenchefin arg geplagt wie alle Neuzugänge. Die derzeitige Anführerin, eine braune Barnefelderin namens Bipsi aus Ersigen, wurde in letzter Zeit immer anmassender. Einem neuen Appenzeller Spitzhaubenhuhn hackte sie direkt in die Augen, so dass dieses manchmal für Tage erblindete und überall anstiess. Die Appenzellerin starb bald darauf, wahrscheinlich an einer Infektion. Schon damals überlegte ich mir, die „Chefin“ wegzugeben.

 

Ein weiterer Neuzugang war ein Mischlingshuhn von einem Bauern aus Heimiswil. Wir nannten es Strubeli weil es ein strubeliges Häubchen hatte. Auch Strubeli wurde natürlich von Anfang an malträtiert, ja sozusagen gemartert. Ich beschloss, die Barnefelderin dem Züchter zurück zu bringen. Ich konnte den Misshandlungen nicht mehr zusehen obwohl dies völlig normal ist bei Hühnern. Man nennt es die Hackordnung. Bipsi muss sich nun in einem Hof von 20 Hühnern neu einordnen. Wir Menschen müssen dies schliesslich auch. Sie tat mir schon ein bischen leid, aber sie wird es gut haben dort. Hingegen wird sie wohl kaum täglich frische Tomaten, Gurken und Succeti als Leckereien bekommen wie bei mir. Kaum fehlte die Chefin in unserem Hof, bemerkten wir die Veränderung. Es wurde ruhiger, Strubeli wurde praktisch nicht mehr behelligt.

 

Eines morgens um 07.00 Uhr erwachte ich durch einen komischen Laut, den ich noch nie gehört hatte. Es tönte wie von einem Tier, das irgendwo eingeklemmt ist. Der komische Schrei wieder-holte sich etwa 6 mal. Ich zog schnell ein paar Trainingshosen an und ging nach drausen. Ich war sicher, dass es aus unserem Stall kam, konnte jedoch nicht erkennen, von welchem Huhn. Am nächsten Morgen wieder die Schreie. Dann am Abend des dritten Tages die Offenbarung: Flöcki stand in der Pose eines Hahns und versuchte sich im „Hahnenschrei“, noch nicht perfekt, aber doch erkennbar. Nun übt Flöcki jeden Morgen und jeden Abend und präsentiert sich als neuer „Chef“. Im Moment legt niemand ein Ei, aber vorher hat Flöcki jeden zweiten Tag ein Ei gelegt. Bin gespannt, ob sie zu legen aufhört oder ob sie ein „legender Hahn“ wird.

 

Ich habe gegoogelt und gelesen, dass alle Varianten vorkommen. Es gibt zwei Geschlechter im selben Huhn, sowohl physisch hormonell wie auch psychisch nur im Kopf. Es kann also durchaus sein, dass Flöcki plötzlich das Gefühl hatte, das Gebot der Stunde nutzen zu müssen und Chefin bezw. Chef zu werden. Somit haben wir nun ein Transgender-Huhn, das wir natürlich auch so lieben. Sie muss auch keine Eier legen.

Nachtrag: Flöcki legt wieder Eier! Ab und zu höre ich morgens um 07.00 Uhr wie sie den "gefakten" Hahnenschrei" übt! HRJ

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