Im Knast

Liebe Leute, ich bin im Knast. Das glaubt ihr nicht? Es ist aber wahr. Mit etwa 22 Jahren produzierte meine Biologie den zweiten Nierenstein. Den ersten hatte ich in meinem Welschlandaufenthalt in Courtelary gehabt. Plötzlich bekam ich in der Buchhaltung Kolliken. Ich krümmte mich vor Schmerzen und der Chefbuchhalter schickte mich nach Hause. Mein Zuhause war ein Zimmer bei einer Schlummermutter, Madamme Maurer. Mein sonst 5-minütiger Nachhauseweg dauerte sicher eine halbe Stunde weil ich immer wieder anhalten musste. Mme. Maurer sah mich die Treppe herauf kommen und sie fühlte instinktiv, dass das nicht gewöhnliche Bauchschmerzen waren. Sie rief den Chef an und der wiederum brachte mich nach Saignelégier ins Spital, wo ich gerönght wurde. Man fand jedoch nichts. Die Ärzte waren der Meinung, dass es sich um einen kleinen Nierenstein gehandelt hatte, der von selbst abgegangen war.

 

Meinen zweiten Stein hatte ich an unserem ersten Wohnort in Biberist. Wir waren schon verheiratet. Jede Nacht hatte ich Kolliken. Wir hatten noch kein eigenes Telefon. So fuhr Mädi mitten in der Nacht zu einer Telefonzelle - die gab es damals noch - und rief den Dorfarzt an. Nachdem er mehrere Nächte aufstehen musste um mir eine Morphiumspritze zu verabreichen, entschloss er sich endlich, mich ins Bürgerspital Solothurn einzuweisen. Dort wurde mir eine Schlinge eingeführt, die um den spitzigen Stein im Harnleiter befestigt wurde. Am anderen Ende der Leine hing eine Klemmschere befestigt, die mit einem Gewicht versehen war. Diese Einrichtung sollte den Stein herunterziehen. Zur Unterstützung dieses Vorgangs musste ich in den obersten Stock des Spitals hinauf steigen und dann die Treppe bis in den Keller hinunter hüpfen, was jedes mal einen Stich verursachte. Dazu erhielt ich Glitzerin, das die Harnleiter geschmeidig ausweiten sollte. Die Prozeduren dauerten 3 Wochen. 

 

Damals gab es die Nierensteinzertrümmerung noch nicht. Insgesamt hatte ich 8 Nierensteine in meinem Leben, sog. Kalziumsteine. Sie sind zackig und jeder sitzt am selben Ort, auf halber Höhe des linken Harnleiters. Mit der Zeit entwickelte ich eine gewisse Routine im Steine gebären. So spielte ich im Trio in einem Tea Room in Nidau, dem St. Pauli. Kurz nach Eintreffen in Nidau begann eine Kollik. Ich suchte einen Arzt in Biel auf und sagte ihm, dass ich schon ein paar Steine geboren hätte. Er gab mir ein krampflösendes Medikament und ich gebar auf seiner Toilette den Stein in ein Sieb. Danach ging ich zurück ins St. Pauli und pünktlich um 20.00 Uhr spielten wir unseren Gig. Wenn man den „Töff“ einmal kennt, ist die Sache halb so schlimm, aber beim ersten Mal hat man das Gefühl, sterben zu müssen.

 

Als ich ins Spital in Solothurn eingeliefert wurde, wusste ich, dass ich in diesem Jahr auch noch meinen Militärdienst zu absolvieren hatte. Ich rief meinen Kadi an und informierte ihn über meinen Spitalaufenthalt. Er sagte: O.K. schicken Sie mir ein Arztzeugnis, dann ist die Sache i.O. Ein halbes Jahr später erhalte ich per Post die Aufforderung des Kreiskommandos Solothurn, ich soll mein Dienstbüchlein einsenden, was ich pflichtbewusst tat. Daraufhin erhielt ich eine Vorladung ins Kreiskommando zu Oberst Ochsenbein. „Wer hat ihnen erlaubt hier zu rauchen ?“ schnauzte er mich an, als er nach 20 Minuten Wartezeit durch den Gang in sein Büro stapfte. Ich sage schüchtern: eine Dame hat mir einen Aschenbecher gegeben. Das interessiert mich nicht. Es stellte sich heraus - und ich staunte nicht schlecht - dass ich in diesem Jahr eine Materialinspektion hätte besuchen müssen, da ich im selben Jahr keinen Militärdienst leisten konnte. Ich sagte: aber ich habe mich doch abgemeldet und ein Arztzeugnis eingesandt. Er klärt mich auf, auf jedem Inspektionsplakat stehe, dass Militärdienst-Verhinderte am Anfang des folgenden Jahres an einer Nachinspektion erscheinen müssten. Ich hätte halt das Plakat lesen sollen. Sozusagen das berühmte Kleingedruckte!

 

Als Herr Oberst Ochsenbein erfuhr, dass ich eine Stelle in einer kantonalen Psychiatrischen Klinik inne hatte, wurde er ein bischen umgänglicher und schlug mir vor, die zwei Tage Arrest an einem Wochenende sprich Samstag und Sonntag abzusitzen, so müsse ich niemandem sagen, dass ich im Gefängnis gewesen sei. Also brachte mich Mädi eines Samstags um 10.00 Uhr nach Balsthal ins Bezirksgefängnis wo ich komponieren und arrangieren konnte, denn ich hatte Notenpapier und Bleistift bei mir. Die Tochter des Dorfpolizisten brachte mir das Essen und plauderte mit mir. Die Tür wurde nicht abgeschlossen. Das, liebe Leute, ist meine Knast-Erfahrung. HRJ

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