Die Rumänen und das Funktelefon

Unterdessen denke ich auf meinen Gassigängen nicht mehr über Geschichten nach. Es hat sich ein wahrer Geschichtenstau ergeben. Jede will aufgeschrieben werden. Auf meinem Schreibtisch, den ich selbst geschreinert und geschweisst habe, kleben eine Menge Zettel mit Stichworten von Geschichten, zu deren Niederschrift es bisher noch nicht gekommen war. Auf einem steht: "Die schlauen Rumänen". Erinnert ihr euch an die ersten Funktelefone mit ihren meterlangen Antennen? Man konnte sie im Umkreis von ca. 20 Metern zu ihrer Basisstation ohne Kabel verwenden. Von solchen Apparaten handelt die folgende Geschichte:

 

1991, zu der Zeit, als ich in Oberwichtrach ein Erstaufnahmezentrum für Asylbewerber führte, waren einige besonders clevere Rumänen unter den Asylanten. Der Kanton Bern hatte ein Beschäftigungsprogramm geschaffen, das Asylbewerbern auch ohne Arbeitsbewilligung erlaubte, zu arbeiten. Sie konnten in der Gemeinde, im Zivilschutz oder in Asylzentren arbeiten z.B. im Betreuungsteam, in der Küche oder in der Administration. Die Asylanten erhielten 20 Franken pro Tag zusätzlich zu ihrem Sozialgeld. Ich baute ein Betreuungsteam mit den Rumänen auf weil sich diese und nur diese auch dafür interessierten. Alle anderen Nationalitäten waren entweder zu faul oder nicht clever genug, denn die Rumänen haben ein ganz besonderes Flair, wie ich schon bald feststellen sollte. Sie wussten, dass sie sich durch die Arbeit als Betreuer auch einen besonderen Status und damit einen gewissen Respekt vor den Anderen verschaffen konnten. Sie teilten die Gruppen für Schlaufraum-, Küchen-, WC- und Duschen-Reinigung ein und führten die Anwesenheitskontrollen. Als Zentrumsleiter war ich mit den Gängen zum Büro des Asylwesens, Grosseinkäufen, Sitzungen, Problembearbeitungen und Beaufsichtigung von zwei Zentren gleichzeitig, voll beschäftigt und konnte keines Falls dauernd anwesend sein. Zudem hatte ich noch mein Pianogeschäft mit Angestellten, das ich sporadisch aufsuchen musste. Ich konnte mich auf die Rumänen verlassen, denn sie genossen grossen Respekt, den sie aber auch zu ihrem Vorteil ausnutzen.

 

Sie stahlen Fleisch aus dem Kühlraum, verkauften gewisse Vorteile an Insassen und sie telefonierten wie die Berseker. Natürlich hatten wir ein Betreuungsbüro für die Personalkontrolle. Eingänge, Ausgänge, vorübergehende Abmeldungen, Vorladungen zu Einvernehmungen, Arzttermine etc. - da brauchte es logischerweise ein Telefon. Zu dieser Zeit hatten nur wenig Leute ein Handy. Ich merkte schon bald, dass die Telefonrechnungen in unseren Lagern sehr hoch waren und mir kamen da gewisse Vermutungen, insbesondere als ich per Zufall ein Funktelefon fand. Ich ging der Sache nach und fand heraus, dass die Telefonleitung mit 2 Drähten an der Decke des Bunkers verlief. Das Funktelefon hat zwei Klammern am Ende des Kabels und so brauchte man in der Nacht, wenn sonst niemand da war, nur das Telefon direkt an die Leitungen zu klemmen. Schon konnte man mit seinem Schatz in Rumänien Stunden lang telefonieren, was dem Kanton Bern Rechnungen von über 10'000 Franken pro Monat bescherte.

 

Meine Idee, die Telefonleitung in Stahlrohre zu verlegen, wurde nicht ausgeführt. Der Kanton meinte, ich sei verantwortlich für das ungebührliche Telefonieren. Ich sagte: "Soll ich dort noch übernachten oder was?" Ich besprach mich mit der Telefongesellschaft und verlange, dass man zumindest Auslandgespräche sperren sollte. Das war leider nicht möglich, weil es sich in diesem Kreis um eine alte Zentrale handelte. Als die Zahl der Asylgesuche später abnahm und ich längst eine andere Stelle als Geschäftsführer in Solothurn inne hatte, rief mich die Vorsteherin des Sozialamtes an und bat mich, nachträglich einen Bericht einzureichen zum Problem "Telefonmissbrauch in Oberwichtrach". HRJ

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