Der Koordinator

Einige Jahre nach dem Austritt aus der Swissarmy erhielt ich ein Aufgebot vom Zivilschutz Bern. Wahrscheinlich hatte ein kluger Sesselfurzer in einem Büro festgestellt, dass ich nirgends eingeteilt war. 1990 lerne ich dort, wie man Flüchtlinge betreut. Ich war im Betreuungsdienst und avancierte bis zum Detachementschef, was im Militär einem Kompanieführer gleich kommt. Es ist also doch noch etwas aus mir geworden, nur nicht im grünen sondern im grauen Tenü. Ein Jahr später: Im Rahmen von Zivilschutzübungen leitete ich in Bern zwei Erstaufnahmezentren für Asylsuchende. Da lernte ich in der Praxis was Toleranz ist. Sind die, die Toleranz fordern, es denn auch selbst ?

 

Es ist der erste grosse Asylboom in der Schweiz 1991 mit 44'000 Asylgesuchen während dem

Bosnien-Herzegovina-Krieg. Die Hilfswerke, die in der Regel die Erstaufnahmezentren sowie die Durchgangszentren managen, sind am Anschlag. Es fehlt an Unterbringungsmöglichkeiten und der Kanton Bern muss eigene Liegenschaften zur Verfügung stellen. Dazu greift er natürlich auf die Gemeinden zurück. In so einer Zeit bekommen die fremdenfeindlich gesinnten Gruppierungen und Parteien Nahrung für ihre Skeptik gegenüber Fremden. Es ist eine gute Gelegenheit, Angst vor dem Fremden, die naturgemäss in jedem Menschen steckt, in der breiten Bevölkerung zu schüren. Auch heute sehen wir in Deutschland Brandlegungen an Asylunterkünften, Demonstrationen, Tätlichkeiten gegen Asylsuchende oder Personen, die in diesem Metier tätig sind. Die Pegida in Deutschland ist eine grosse Gefahr für uns alle, denn so ähnlich hat es gegen die Juden im Nazi-Deutschland begonnen. Im zweiten Weltkrig wurden 70 Millionen Menschen getötet, davon allein 6 Millionen Juden in Konzentrationslagern gefoltert, vergast und verbrannt. Wehret den Anfängen - ist ein treffendes Sprichwort. Die Aussagen der Asylgegner beginnen immer gleich: "Wir haben nichts gegen Fremde, aber.... und dann brennt wieder irgendwo ein Asylheim. Wie sollten auch solche Leute etwas gegen Fremde haben?

 

In meiner Tätigkeit als Koordinator für Notunterkünfte des Kantons Bern erlebte ich die "Toleranz" der Bürger hautnah. In Oberwichtrach, wo ich ein Erstaufnahmezentrum für 100 ledige Männer leitete, schnitten Bürger der Gemeinde eines Nachts alle Kehrichtsäcke auf, um nachzusehen, was die Asylsuchenden wegwerfen, das der Steuerzahler ihnen zum Essen zumutet. Es stellte sich heraus, dass Spaghetti an Tomatensauce nicht aufgegessen wurden. "Die sollen gefälligst fressen was sie vorgesetzt bekommen wenn wir sie schon durchfüttern"! Die Chefin des Asylwesens zitierte mich in ihr Büro und warf mir vor, den Asylbewerbern Lachs serviert zu haben. Ich konnte aber belegen, dass auf der Verpackung der billigsten Fischstäbchen, die ich engros eingekauft hatte, ein Lachs abgebildet war. Ich wurde gerügt, weil ich 2 bis 3 Mittagessen nicht rechtzeitig abgemeldet hatte. Kunststück - ein paar Asylbewerber hatten sich eben bei mir auch nicht abgemeldet - sie sind zum Mittagessen einfach nicht erschienen. Was sollte ich dagegen tun ? Die Mittagessen wurden von einer Küche im Kanton Freiburg geliefert. Ich beantragte bei der Gemeinde, die Küche der Zivilschutzanlage nutzen zu dürfen, damit die Asylsuchenden selbst kochen könnten. Der Anlagechef, ein Herr Steiner - ein kleiner König über einen noch nie benutzten Zivilschutzbunker - wehrte sich mit Händen und Füssen weil der Kochherd dieser Küche noch nie gebraucht worden sei. "Der ist ja dann nicht mehr neu", sagte er.

 

Ich machte eine Kostenvergleichsrechnung. Nachdem ich die Gemeindeverwaltung von der enormen Einsparung überzeugt hatte, teilten sich die Bewohner der Anlage selbst alle Arbeiten wie kochen, abräumen, abwaschen, einkaufen etc. Essensreste gab es kaum noch weil sie das kochen durften, was sie aus ihrer Heimat kannten und nicht unbedingt unsere geliebten Spaghettis. Eine junge Frau aus der Gemeinde rief mich an und klagte, ihr Kinderwagen sei gestohlen worden. Die Täterschaft könne nur unter den Asylanten zu suchen sein. Ich sagte ihr, dass in meiner Zivilschutzanlage kein einziger Raum sei, der als Versteck für einen Kinderwagen dienen könne und dass unsere Asylbewerber aus 100 jungen, ledigen Männern bestehe, die keinen Bedarf an Kinderwagen hätten. Sie war der Meinung gewesen, es würden junge Familien mit Kindern im unterirdischen Bunker wohnen. Sie entschuldigte sich für ihre Vorverurteilung.

 

Gemeindemitglieder waren der Ansicht, dass die Asylbewerber abends um 19.00 Uhr das Lager nicht mehr verlassen dürften, damit man sie in der Gemeinde nicht "sehen müsse". Ich veranstalte einen "Tag der offenen Tür" mit Orientierung und Diskussion. Einige Missverständnisse konnte ich dadurch ausräumen. Zum Beispiel, dass Asylbewerber keine Gefangenen sind. Sie haben sich

keines Verbrechens schuldig gemacht und man kann sie nicht behandeln wie Gefangene. Grosses Erstaunen entstand, als ich ihnen zeigte, dass für 100 Leute gerade mal 2 WC's und eine Dusche zur Verfügung standen. Es wird am Biertisch auch immer wieder behauptet, die Asylanten bekämen vom Staat jeden Tag Hundert Franken, sowie eine Lederjacke und alle trügen Goldketteli am Hals. Zur Lederjacke: Kleiderausgabestellen des roten Kreuzes, wo die Asylbewerber zwei mal im Jahr mit warmer Kleidung versorgt werden, sind oft organisatorisch überfordert und können die gesuchten Kleider nicht liefern. Deshalb ist das Schweizerische Rote Kreuz dazu übergegangen, die aus der Kleidersammlung stammenden Kleider an Secondhand-Shopps zu verkaufen und mit dem Erlös Hilfe in Geldform zu leisten. Die Sozialämter haben danach Geld oder Warengutscheine anstelle von Waren abgegeben. Das hat natürlich viele junge Männer dazu verleitet, Lederjacken zu kaufen anstelle von warmen Unterhosen. Wie unsere Jugendlichen es vermutlich auch tun würden. Also eine Überforderung unserer Organisation wie so oft in der Bürokratie. Zum Goldketteli: Die jungen Männer aus südlichen Herkunftsländern sind sehr angetan von Goldschmuck. Sie tragen solchen an sich bevor sie zu uns kommen. Frage: Würden Sie ihren geliebten Schmuck zu Hause in den zerbombten Ruinen lassen wenn Sie vorhätten, an einen besseren Ort zu flüchten? Toleranz und Vorurteile lassen grüssen. Oft fehlt es schlicht an seriöser Information.

 

Der Blödsinn von den Hundert Franken pro Tag erklärt sich wie folgt: Die Auszahlungen erfolgen, wie so oft in der Schweiz, je nach Kanton sehr unterschiedlich. Pro Tag erhält ein Asylbewerber zwischen 9 und 10 Franken. (Zu meiner Zeit ca. 14.00). Der zu meiner Zufriedenheit abgewählte Alt-Bundesrat Blocher und seine Gesetzesrevisionen haben dafür gesorgt, dass die Schweiz heute

weniger attraktiv ist. Die Tagesentschädigung deckt knapp Essen und Trinken, Hygienebedarf, Zigaretten - basta. Zu mehr reicht es ja wohl nicht. Zusätzlich hat jeder, der in der Schweiz Asyl beantragt, grundsätzlich gewisse Rechte nach der UNHCR Genfer-Flüchtlingskonvention, welche mit richtigem Namen eigentlich „Abkommen über die Rechtsstellung der Flüchtlinge UNHCR" heisst und von 147 Staaten (auch von der Schweiz) unterzeichnet worden ist. Dieses Abkommen garantiert ein Dach über dem Kopf, ärztliche Grundversorgung (keiner muss Schmerzen erleiden), Kleidung (keiner muss frieren) und sog. Rechtsbeistand. Alles andere ist reiner Quatsch, erfunden, ausgeschmückt durch Proleten, Angst- und Neidschürer - eben Populisten.

 

Übrigens - Asylbewerber dürfen nicht arbeiten ! Und was die meisten nicht wissen - sobald ein Flüchtling in der Schweiz arbeiten darf und eine Arbeitsstelle hat, muss er dem Staat die verursachten Kosten rückerstatten. Dazu muss der Arbeitgeber während 10 Jahren vom Lohn 10 %

in Abzug bringen und direkt dem Staat überweisen. Hingegen ist die Aussage nicht unwahr, dass oftmals Schweizerbürger (Z.B. Rentner, Ausgesteuerte und Ausgegrenzte) in ähnlichen Situationen leben müssen wie Asylbewerber. Erst vor Kurzem wurden die KOS-Richtlinien für Sozialgelder herabgesetzt und einige Orte sind daran, auch dieselben neuerdings noch zu unterbieten. Wenn man am unteren Ende einer Skala angelangt ist, gibt es eben keine Unterschiede mehr. Arm ist arm und ärmer als arm kann man nicht sein. Um die Schweizer besser zu stellen blieben nur die Instrumente wie: Mindestlöhne, Gesammtarbeitsverträge, Rentenreform, AHV-Reform, Erhöhung der Sozialhilfe. Merke: Die Sozialhilfebeträge für Schweizer sind immer höher als die der Asylsuchenden! Wie kommt die Zahl "Hundert Franken pro Tag" zustande? Der Zahlensalat, der oft von der Presse, insbesondere der rechten, angestellt wird, sorgt für Verwechslung und Vermisch-ung von zwei Kostenkategorien:

1. Was bekommt ein Asylbewerber pro Tag in die Hand?

2. Was kostet das Asylwesen, heruntergebrochen auf einen Asylbewerber pro Tag?

 

Das sind zwei verschiedene paar Schuhe. Logisch kann von den 10 Franken pro Tag nicht alles bezahlt werden. Man würde sich besser die Frage stellen: Was tun wir, damit Flüchtlinge gar nicht erst flüchten müssen und was würde uns dies kosten ? Denn, wenn die grosse Masse erst in Bewegung ist, kann sie niemand mehr aufhalten! Auch nicht Zäune, Mauern und Soldaten. Merke: Es gibt nur eine Kategorie Flüchtlinge, nämlich solche die flüchten. Jene die meinen, man könne sie unterteilen in "echte" und "unechte" sind auf dem Holzweg – denn sie kommen trotzdem! HRJ

Kommentar schreiben

Kommentare: 0