Von Yachten, Autos und Albträumen

Jede Aufwärtsbewegung erzeugt früher oder später eine Abwärtsbewegung. Up and down. 1970 wurde ich ausgerechnet durch den Personalchef, der mich aus der Lehre katapultiert hatte, angerufen und auf ein Stelleninserat einer Berner Firma aufmerksam gemacht. Er wusste natürlich von meiner Affinität zur Musik und fand, dies sei eine Gelegenheit für mich. In der Klavierfabrik Schmidt-Flohr AG in Bern suchte man eine Lehrkraft für Elektronische Orgeln. Da es diesen Beruf offiziell nicht gab, waren Musikgeschäfte darauf angewiesen, eigene Lehrkräfte auszubilden. Meistens waren es KlavierlehrerInnen ohne Konsiabschluss - also genau so Typen wie ich. Ich bewarb mich und bekam die Stelle. Man brachte mir eine Heimorgel nach Hause und ein paar Lehrbücher. Ich bereitete mich auf das neue Fach "Unterricht für elektronische Orgeln" vor und trat am 1. Mai 1970 die Stelle eines Lehrers für elektronische Heimorgeln an der Fabrikstrasse in Bern an. 

 

Dieser Berufswechsel war für mich ein absoluter Glücksfall. Ich lebte auf, zog mit meiner jungen Familie nach Bern - in die Hauptstadt - in eine neu erstellte, schöne 3 1/2 Zimmer Wohnung. Mein Weg in der Musikinstrumenten Branche war von Erfolg gekrönt. Vom Orgellehrer zum Orgel- und Klavierverkäufer, dann zum Marketing- und Werbefachmann, zum Abteilungsleiter und später zum Inhaber eines eigenen Klavier- und Orgelverkaufsgeschäfts an der Murtenstrasse 34 in Bern. Das erste neue Auto, dann teurere Autos, das erste Boot, dann teurere Boote, auswärts Essen usw. 25 Jahre BEA. Es ging uns sehr gut bis der Einbruch in der Klavierbranche sich abzeichnete und ich mein Geschäft redimensionieren musste. Ich erhielt eine Stelle im Asylwesen des Kantons Bern, welche nach einem Asylboom wieder liquidiert wurde. So landete ich nach 22 Jahren wieder in meinem Heimatkanton Solothurn als Filialleiter und Geschäftsführer eines Schweizer Musikhauses. Doch die Musikbranche kränkelte schon seit langem. Ausgerechnet meine Verkaufsstelle wurde geschlossen als ich 54 war und ich musste wohl oder übel beim RAV vorsprechen. 

 

Meine unterdessen dritte Stahlyacht, ein 15-Meter-Motortrawler auf dem Neuenburgersee, musste ich verkaufen, denn der Unterhalt dafür wurde zu teuer. Auch die teuren Autos mussten dran glauben und einem Renault Twingo Platz machen (Bild links). Ich trat eine Stelle als Autoverkäufer bei einer Mercedes Garage an. Dazu nur so viel: Der Verkaufsleiter war ein Psychopath und ich litt sehr unter dem enormen Verkaufsdruck. Wenn ich nachts aufwachte, stellte ich mit Schrecken fest, dass schon bald Zeit zum Aufstehen war. Es war bei weitem die schwerste Zeit meines Lebens. Ich litt 7 Monate lang unter Dauerdurchfall und lernte Existenzangst und Alpträume kennen. In dieser schwierigen Zeit machte mich mein Neveu Reto auf eine Schule aufmerksam, die offenbar ein grosses Problem hatte. Wie heisst es doch so schön ? Es geht immer ein Türchen auf. Mehr davon im nächsten Artikel: "Let it be - so kam die Jungfrau zum Kinde". HRJ

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